Schwertwache


Hohe Lieder.

Der Tempel der Erde, Detail.

Fidus entwarf das Motiv, das als Schwertwache zu einem seiner beliebtesten Motive wurde, 1895 für den Buchumschlag oder ein Vorsatzblatt, verwendete es aber auch in monumentaler Form mit jeweils fünf Figuren links und rechts des Kreuzes mit der Inschrift TAT und den dieses flankierenden Säulen.

Die Bedeutung, die Fidus selbst dem Motiv gab, unterstreicht, dass es als Nr. 1 des umfangreichen Programms der Karten und Drucke, die er seit 1912 in seinem Verlag St. Georgs-Bund herausgab, erschien. Rund drei Jahrzehnte später, im Herbst 1941, erschien mit der Katalognummer 256 als letzte Veröffentlichung der Kohledruck Das Haupt des Führers (vgl. Fidus im Dritten Reich). Der Kreis scheint sich zu schliessen.


Schwertwache.

Arno Breker, Bereitschaft.

Es ist anzunehmen, dass die Bedeutung des Begriffs Schwertwache, als Fidus sich damit beschäftigte, allgemein bekannt war. Heute lässt sich dazu kaum etwas finden. So fehlt der Begriff in den grossen Enzyklopädien der Zeit wie Brockhaus’ Konversations-Lexikon (14. Aufl., 1895) oder Meyers Konversations-Lexikon (5. Auflage, 1897).

Noch zur Zeit des Dritten Reichs wurde der Begriff gerne gebraucht. So berichtet beispielsweise Bremer Nationalsozialistische Zeitung (BZN) im Sommer 1933 über die Sonnenwendfeier der Bremer Turngemeinde:

Als dann die Nacht herniedersank, loderten die Fackeln auf. Mit großem Beifall wurde ein Fackeltanz der Turner: "Schwertwache" aufgenommen, der mit dem Anzünden des Sonnenwendfeuers seinen Abschluß fand. Beim Scheine der hellauf lodernden Flammen und während aus der Ferne vom Weserstadion die Blitze des Feuerwerks herübergrüßten, forderten dann die Jungturner in ihrem Sprechchor "Deutscher, sei wach!" jeden Anwesenden auf, beim Scheine des Feuers sich zu geloben, mitzuhelfen, den Tag des Deutschen zu erwecken, mitzukämpfen um Deutschlands Auferstehen.

Auch Arno Brekers martialische Plastik Bereitschaft wurde als Schwertwache bezeichnet. Wobei eine Gegenüberstellung mit Fidus dessen Figur als geradezu harmlosen Vorläufer erscheinen lässt.

Wenig erstaunlich, dass der Begriff bis heute in der Neo-Nazi-Szene Verwendung findet.

Deutscher Sieg


Fidus hat das Motiv der Schwertwache wiederholt aufgenommen. Dabei hat er es mit politischer Bedeutung aufgeladen und aus dem vergleichsweise unverfänglichen Sinnbild, das die Illustration für die Gedichsammlung Hohe Lieder von Franz Evers darstellt, zu völkischer Propaganda gemacht (vgl. Vom Buchumschlag zur Tempelfassade).

Eine Variation enthält das erwähnte "Fidus-Heft" der Zeitschrift Schönheit. Sie folgt gleich nach der Titelseite im Heft, also mit vergleichbarer programmatischer Bedeutung wie der Druck und die Postkarte Schwertwache, die als Nr. 1 erschienenen sind. Datiert ist die Zeichnung mit Hartung, dem alten deutsche Monatsnamen für Januar, 19. Es handelt sich also eine zum Zeitpunkt des Erscheinens aktuelle Arbeit, die fast ein Vierteljahrhundert nach dem ersten Entwurf entstanden ist.

In den Verzeichnissen des Verlags des St. Georgs-Bundes beziehungsweise Fidus-Verlags werden der Druck und die Postkarte der Variation unter dem Titel Deutscher Sieg aufgeführt. Im 1940 erschienen Verzeichnis zudem der Gruppe der "Kriegsblätter" zugeordnet. Im "Fidus-Heft" fehlt ein Titel, der unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg unpassend zu sein schien. Dafür ist ihr ein Fidus-Zitat beigegeben:

Aufsteigende Völker, wenn man ihnen schon, wie dem deutschen, eine religöse Politik zumuten darf, brauchen aber eben so sehr eine politische, d. h. völkische Religion.

Die Wache haltenden Schwertträger, die sich wie alle Figuren der Darstellung nackt und damit ungeschützt präsentieren, sind aktiv geworden. Auch wenn ihre Schwerter, deren Spitzen nach unten zeigen und somit nicht als Waffen gebraucht werden, und diese auch als Kreuze gesehen werden können.

Die Männer werden frontal gezeigt wie diejenigen der Leiste der Germanen-Bibel, die ebenfalls 1919 entstande ist (vgl. "Eine Reihe Genien beiderseits"). Gleichzeitig scheinen sie der Konfrontation, die mit der Frontalität einhergeht, auszuweichen: Den Blick haben sie nicht auf das Geschehen vor ihnen, sondern, der "Wirklichkeit" entrückt, in die Höhe gerichtet.

Sind die Schwertträger der Leiste für die Germanen-Bibel gleichwertig nebeneinander gestellt, scharen sie sich nun um einen "Führer" in der Mittelachse des Bildes. In der einen Hand hält auch er ein Schwert, wenn auch ein kürzeres als die hinter ihm stehenden Männer. Die andere Hand ist zum Gruss erhoben oder um Einhalt zu gebieten. Sein Haupt ist von wellenförmigen Linien umgeben, die eine Art Heiligenschein bilden. Ein abstraktes Ornament über seinem Kopf wiederum erinnert unweigerlich an die den Heiligen Geist symbolisierende Taube auf Bildern in christlichem Kontext.

Sind die Formen und Symbole mehrdeutig, sind die Posen und Gesten der Figuren theatralisch überzeichnet, wie überhaupt das ganze Szenario, das auf engstem Raum stattfindet, insbesondere durch die Darstellung gewissermassen "idealer" Nacktheit unwirklich wirkt.

Gemessen am konkreten politischen Anspruch scheint die gezeichnete Szene als Ganzes jedoch so vereinfachend naiv, als wäre sie einem Bilderbuch entlehnt: Zwei bärtige Gesellen mit wilden Haaren, die links und rechts die Darstellung flankieren, buchstäblich "Randfiguren", bedrängen zwei Frauen. Einer von ihnen hat die Frau zu seinen Füssen an den Haaren gepackt. Der andere hat die gekreuzten Arme, die Hände zu Fäusten geballt, vielleicht um sich zu schützen, auf die Brust gelegt. Beide Köpfe sind im Profil wiedergegeben, die gekrümmte Nase der rechten Figur soll wie auf anderen Darstellungen von Fidus wohle auch diese als Juden kennzeichnen. Die zwei, wahrscheinlich blonden Frauen wiederum sitzen im Vordergrund auf dem Boden, so auch formal "erniedrigt". Beide wenden sich dem "Befreier" zu, bleiben dadurch aber "gesichtslos". Dabei scheint eine von ihnen nicht nur die Hand nach ihm auszustrecken, sondern mit dieser Geste auch direkt nach seinem Schwert greifen zu wollen.

  1. Brockhaus’ Konversations-Lexikon, 14. Aufl., vollst. neubearb. Aufl., 14. Bd., Berlin und Wien 1895.
  2. Meyers Konversations-Lexikon. Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens, 5., gänzlich neubearb. Aufl., 15. Bd., Leipzig und Wien 1897. Online.
  3. Bremer Nationalsozialistische Zeitung (BZN), 26. Juni 1933, Nr. 167, S. 7. Online.
  4. Vgl. Wilhelm Rüdiger, "Die Plastik im Haus der Deutschen Kunst", in: Völkischer Beobachter (Wiener Ausgabe), 52. Jahrg., 8. Dezember 1939, Nr. 220, S. 6. Online
  5. Schwertwache heisst etwa ein Album der Rechtsrock-Band Stimmen der Freiheit, das 2018 erschienen ist.
  6. Die Schönheit, 16. Jahrg., "Fidus-Heft", 1919/20, S. 2. Online
  7. Druck und Postkarte sind als Nr. 106 erschienen. Bebildertes Verzeichnis, Verlag des St. Georgs-Bundes, Woltersdorf bei Erkner-Berlin 1927, S. 71 (Online).
  8. Vgl. den Vortrag "Schwert und Kreuz. Die Waffe als Objekt und Symbol im frühen Mittelalter" von Daniel Föller innerhalb des Rahmenprogramms zur Ausstellung Unter Waffen. Fire & Forget 2 2017 im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt.
  9. Vgl. zum Begriff den Eintrag Ideale Nacktheit in der deutschsprachigen Wikipedia.
  10. Die gekreuzten Arme sind sowohl als Demutsgeste bei Marien-Darstellungen bekannt wie aber auch von ägyptischen Sarkophagen und Mumien. Vgl. dazu im Blog Zombiewood Productions den Eintrag Die gekreuzten Arme – Machtsymbol der Pharaonen sowie die ihm folgenden.

Bild Hohe Lieder: Sitatatirulala, Pinterest.